BISMARCKSTRASSE 35

August 13, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

eine Konzertinstallation in der Deutschen Oper Berlin mit Musik von Helmut Lachenmann 

Regie: Alexander Charim
Bühne und Kostüme: Ivan Bazak
Dramaturgie: Dorothea Hartmann / Anne Oppermann

mit Indira Koch, Chié Peters, Juan Lucas Aisemberg, Arthur Hornig

Orte: Haupteingang / Techniker-Hof / Möbelfundus / Beleuchtergang / Orchesterumkleide / Probebühne B / Stiegenhaus B / Foyer

am 18. und 21. September 2012 um 20 Uhr
Deutsche Oper Berlin

„… die kategorische Frage nach der Möglichkeit einer authentischen Musik in einer Situation, wo dieser Begriff kollektiv verwaltet scheint und durch seine Ubiquität und totale Verfügbarkeit in einer von „Musik“ (=auditiv inszenierter Magie für den Hausgebrauch) überschwemmten, saturierten und durch standardisierte Dienstleistung stumpf gewordenen Zivilisation fragwürdig geworden ist.“ Helmut Lachenmann

Das Streichquartett war schon immer die Form, mit der Komponisten die Suche nach dem reinen Klang, nach dem Intimsten und Innerlichsten des musikalischen Ausdruck versucht haben. Das Streichquartett kennt keine Dekoration, keine Überwältigung durch Klangmasse und keine Möglichkeit sich auf Effekte und Überwältigung zurückzuziehen. Es ist sozusagen das Destillat der Musik, eine Schule des Hörens. Es ist sowohl privat als auch politisch: privat, weil die Stimmen immer durchhörbar bleiben und weil die Beschränkung auf vier Stimmen ein intimes Miteinandersprechen, ein Abbild menschlicher Kommunikation ermöglicht. Politisch, weil vier Stimmen bereits eine Gesellschaft sind, ein für und wider von miteinander streitenden, fühlenden und atmenden Stimmen. In der Musik für Streichquartett hat sich die Last und die Schönheit einer Geschichte des Klangs und der Kommunikation abgelagert, von der höfischen Unterhaltung zur seelischen Innenschau bis zum politischen Bekenntnis. Das Streichquartett ist unsere Musik gewordene Sehnsucht nach Musik, nach Konzentration, nach Intimität. Eine Geschichte der Gefühle.

Auch Lachenmanns Streichquartette suchen nach dem reinen Klang. Aber sie tun das in einer Welt, die ihre Beziehung zu diesem Klang verlernt hat. Wir werden täglich von Massen von Klängen („Musik“, wie Lachenmann sagt) überschwemmt, ohne uns wehren zu können. Klang ist für uns heute Unterhaltung, Zerstreuung, Kaufanreiz, Lärm oder Terror, er soll Stimmungen aufrufen, uns aufregen oder beruhigen. Wir nehmen Musik nicht mehr als zentrales Element unseres Denken und Fühlens war, wir ignorieren sie oder akzeptieren sie als ewiges Hintergrundrauschen unseres Lebens. Aber dieses ständige Ausgeliefertsein hat etwas in uns getötet. Wir haben verlernt zu hören. Damit haben wir auch verlernt zu fühlen.

Aus dieser Erkenntnis heraus macht sich Lachenmann auf die Suche nach dem Klang. Und er lässt uns Zuhörer an der Suche teilhaben. Er öffnet seinen musikalischen Werkzeugkoffer. Kratzen, Reißen, Schaben, Flüstern, Schreien. Seine Musik geht eine ständige Verbindung mit dem Lärm der Welt ein, sie gibt ihn wieder, versucht ihn in musikalischen Kleinstformen zu fassen, zu imitieren, zu übersetzen. Er zeigt uns das ungeschönte Chaos. Und er zeigt uns die Entstehung von Musik und Schönheit aus dem Lärm.

Ein Versuch aus Lachenmanns Streichquartetten Theater zu erschaffen und die Suche nach dem Hören in einer tauben Welt für die Zuschauer erfahrbar zu machen.

Bismarckstraße 35: Verkehrslärm, die mächtige Fassade, Stille hinter Glas, die hellen Foyers, die labyrinthische Welt eines Opernbetriebs. Vertraute und unbekannte Orte werden durchwandert. Das Publikum folgt vier Musikern aus dem Orchester der Deutschen Oper Berlin, die sich – umgeben von Stille, Lärm und kommerziellen Klängen – auf die Suche nach Lachenmanns Begriff von Schönheit und Authentizität in der Musik machen. Im Gepäck haben die Musiker Fragmente aus der Streichquartettliteratur aller Epochen und Lachenmanns 3. Streichquartett Grido, ein Werk, dessen Schönheit von den Schnittstellen zwischen Stille, Geräuschen und klingendem Tonmaterial lebt.

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