COSI FAN TUTTE

Dezember 8, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Dramma giocoso von Wolfgang Amadeus Mozart / Lorenzo da Ponte
Regie: Alexander Charim
Musikalische Leitung: Karen Kamensek
Bühne und Kostüme: Ivan Bazak
Video: Daniel Weiß
Dramaturgie: Katharina Ortmann
Licht: Peter Hörtner

Foto: Jörg Landsberg

mit Carmen Fuggis, Dorothea Maria Marx, Monika Walerowicz / Mareike Morr, Michael Dries / Frank Schneiders, Sung-Keun Park / Philipp Heo, Christopher Tonkin

Staatsoper Hannover

Premiere am 22. Dezember 2012
Öffentliche Generalprobe am 20. Dezember 2012

Weitere Termine: 29.12., 10.01., 12.01., 19.01., 25.01., 05.02., 03.03., 26.04., 08.05., 14.05., 24.05., 07.06., 13.06., 28.06.

Foto: Jörg Landsberg

Chaos der Gefühle

Regisseur Alexander Charim im Interview mit Dramaturgin Katharina Ortmann

Was interessiert dich an Così fan tutte?

Vor allem die Nähe zu unseren Lebenserfahrungen. Così fan tutte erzählt von jungen Menschen, von ihrer ersten Liebe, die kaputtgeht, weil sie selbst achtlos damit zu spielen beginnen, vom Erwachsenwerden und davon, wie man klüger, aber nicht unbedingt glücklicher wird, von der Lust des Ausprobierens und vom tiefen Absturz danach. Es gibt kein anderes Stück des Musiktheaters, das mich so unmittelbar berührt wie dieses.

Dass, was in dem Stück verhandelt wird, liegt sehr nahe an den Erfahrungen meiner Generation. Wir müssen so viele Fragen beantworten wie keine Generation vor uns. Die vielen Fragen haben ebenso viele Antworten, unter denen wir nicht mehr die richtige für unser Leben wählen können. Wir sind schlicht überfordert von der Auswahl. Und so schwanken wir von Freiheit zu Sicherheit, von Ehe und Familie zur Promiskuität, von wahren zu erfundenen und von zerstörerischen und chaotischen zu konformen und sicheren Liebesbeziehungen, als Produkte und Produzenten der eigenen diskontinuierlichen Lebensgeschichte.

Foto: Jörg Landsberg

Wir leben in den Häusern und im Wohlstand unserer Eltern, aber nichts zwingt uns so zu sein wie sie. Wir können alles ausprobieren, und deshalb wollen wir es auch tun. Nichts zwingt uns zu einer heterosexuellen, lebenslangen, klassischen Paarbindung. Und doch suchen am Ende viele von uns genau das. Paradoxerweise können wir uns nur nicht mit unserer ganzen Leidenschaft dafür entschließen – weil wir es eben nicht müssen und Angst haben, etwas zu versäumen, glauben, dass es irgendwo immer noch den für uns perfekteren Partner gibt oder das andere Leben, das wir gerade versäumen.

Wir dürfen scheinbar alles und wollen auf keinen Fall erwachsen werden und uns für eine der Optionen entscheiden. Wir fliehen vor der Verantwortung für uns selbst, so lange wir können. Doch auch das Ausprobieren hat seinen Preis. Irgendwann schauen wir mit Sehnsucht auf das Glück und die Naivität, die wir darüber verloren haben. Ein Chaos der Gefühle, aus dem es schwer ist, zu entkommen. Und genau davon erzählt für mich Così fan tutte.

Foto: Jörg Landsberg

Zwei Frauen werden von ihren Verlobten per Wette einer Treuprobe unterzogen… Kann man diese Wette glaubwürdig machen? Muss man es?

Wenn wir dieses Stück mit den Maßstäben eines Sonntag-Abend-Tatorts betrachten, dann ist es vielleicht unglaubwürdig. Aber warum sollten wir das? Die Welt dieses Stückes ist so viel reicher und doppelbödiger als jeder simpler und realistische Zugang.

Die Wette ist ein Experiment, eine Versuchsanordnung, die vielleicht falsch und erfunden ist. Die Gefühle, die dabei herauskommen und die von da Ponte und Mozart geschildert werden, die sind echt. Und darum geht es.

Foto: Jörg Landsberg

Aber ist Untreue ein Problem, das für uns überhaupt noch nachvollziehbar ist? Die Forderung nach Treue spielt doch heute eine wesentlich geringere Rolle als am Ende des 18. Jahrhunderts, vom 19. Jahrhundert mit seiner bürgerlichen Moralvorstellung ganz zu schweigen. Hat uns das Stück in der Single-Gesellschaft, wo das Zusammenleben mit wechselnden Lebensabschnittsgefährten der Normalfall ist, überhaupt noch etwas zu sagen?

Treue ist Sicherheit. Und ohne das Gefühl von Sicherheit können wir auch heute nicht existieren. Wir definieren uns zu einem großen Teil über unsere Beziehung, unsere Sexualität, über den Menschen, den wir lieben. Was bleibt von uns, wenn dieser Bezugsrahmen zusammenbricht? Die Figuren in Così fan tutte verlieren aber nicht nur die Sicherheit über die Gefühle des Partners, sondern vor allem die Sicherheit über die eigenen Gefühle. Sie lernen das eigene Begehren in all seiner Komplexität kennen, sie erfahren, das man zwei Menschen begehren kann, auf extrem unterschiedliche Weisen, und sie entdecken wie lustvoll, schmerzhaft, grausam und bereichernd dieses Begehren sein kann. Sie verlieren die Sicherheit darüber, wer sie selbst sind. Und diese Sicherheit werden sie auch nie wieder erlangen.

Foto: Jörg Landsberg

Was treibt die Männer eigentlich an? Warum wollen Sie unbedingt hinter die Fassade ihrer Frauen schauen? Und wissen die Frauen wirklich nicht, wen sie da in Gestalt ihrer neuen Liebhaber vor sich haben? 

Am Anfang sieht man vier blutjunge Menschen, die in keinem Moment an sich und ihrer Beziehung zweifeln, die glauben, die »Wahrheit« gefunden zu haben. Man kann das naiv nennen, aber es ist eine Naivität, die stark macht, selbstbewusst, sicher und glücklich.

Foto: Jörg Landsberg

Und doch scheint es etwas zu geben, das man vermisst. Es gibt einen Bezirk der Liebe und der Sexualität, den diese Menschen nicht kennen, aber von dem sie etwas ahnen, den sie erforschen wollen. Vielleicht verpasst man ja etwas? Keiner zweifelt ja zunächst daran, dass man die Ereignisse wird zurückdrehen können, das man problemlos zu der alten Beziehung zurück kann. Das Experiment ist nur eine Klammer im Alltag, eine Ausnahme in der Sicherheit der Beziehung, ein Spiel, das man scheinbar nicht verlieren kann.

Diese Gefühle, diese Lust auf das Andere, all das geht nicht nur von den Männern aus, sondern auch von den Frauen. Alle lassen sich auf das Spiel ein. Jeder von ihnen hätte sich dagegen entscheiden können. Und gleichzeitig sind alle getäuscht: Niemand konnte wissen, worauf er sich einlässt. Das Experiment ist Ausdruck eines geheimen Begehrens, das diese Figuren umtreibt.

Foto: Jörg Landsberg

Alle, einschließlich Alfonso und Despina, experimentieren, haben zunächst Spaß daran, und merken gar nicht, das sie Gefühle entwickeln, die sie nie für möglich gehalten hätten. Jede dieser Figuren entdeckt die Liebe eigentlich erst in diesem Experiment, und jede ist unterschiedlich in ihrem Lieben. Sie dringen in Bereiche vor, die schmerzhaft sind und lustvoll, reich und komplex, die Freundschaft und Liebe zerreißen und ihr Glück zerstören und die Figuren zu unbehausten und grausam verstörten Kreaturen machen, die sich selbst und den geliebten Anderen nicht mehr kennen und ihr Leben vielleicht nie mehr in eine überschaubare Ordnung bringen werden. Und all das nur, weil sie neu und anders lieben, weil sie neu und anders geliebt oder nicht mehr geliebt werden.

Für mich ist die Oper ein Bild dafür, dass, sobald die sozialen Verabredungen ungültig werden und unser Begehren die Führung übernimmt, das völlige Chaos der Gefühle herrscht.

 Foto: Jörg Landsberg

Hat Don Alfonso recht, wenn er sagt, dass es bloß unglücklich mache, der Wirklichkeit menschlicher Verhältnisse und Beziehungen ins Angesicht zu blicken?

Wahrscheinlich schon. Aber Mozart und da Ponte geben ihm in seinen Schlussfolgerungen daraus trotzdem nicht recht. Sie erzählen uns im Gegenteil, dass wir deswegen nicht aufhören dürfen zu leben und zu lieben, das wir weiter mutig sein müssen. Così fan tutte ist ein Stück, das die Hölle der Liebe erbarmungslos vorführt und trotzdem fordert, dass wir die Liebe wagen sollen, wagen müssen. Weil sie manchmal grausam und manchmal phantastisch ist, weil beides zum Leben dazugehört und weil erst so der Reichtum unserer Existenz entsteht.

Foto: Jörg Landsberg

Wie frei sind die Figuren in Così, vor allem die Paare? Haben sie an irgendeinem Punkt der Handlung die Möglichkeit, das „Experiment“ abzubrechen?

Ständig. Sie versuchen es ja auch immer wieder, schrecken aber im letzten Moment davor zurück. Irgendetwas treibt sie immer weiter ins Labyrinth des eigenen Begehrens.
Foto: Jörg Landsberg

Was treibt Alfonso an, den beiden Paaren diese Lektion zu erteilen? Über ihn, den „alten Philosophen“, wie er im Libretto auch heißt, erfahren wir im Stück eigentlich nichts.

Don Alfonso war wahrscheinlich früher genauso wie die jungen Männer. Und ist jetzt erwachsen, einige Erfahrungen reicher, verletzt, traurig, desillusioniert. Die Wette ist seine Möglichkeit, an der Welt der jungen Menschen, nach der er sich sehnt, teilzunehmen, aber aus einem durch und durch negativen Antrieb: als Voyeur und Zerstörer. Er will der Welt seine wütende Anti-Liebes-Theorie einbrennen, die da heißt: Es gibt keine Liebe, nur gegenseitige Verletzungen, Untreue und Kälte füreinander. Er will die Gesellschaftsordnung der Zweisamkeit als brüchig und verlogen entlarven. Wie ein Kranker will er alle Liebenden um ihn mit dem Virus der Verachtung anstecken, damit keiner mehr die Gefühle haben kann, von denen er ausgeschlossen zu sein scheint.

Alfonso stellt sich vor, den eigenen Schmerz durch ein Experiment zu bändigen, in dem er der Forschungsleiter ist. Dabei ist das nicht sein Experiment, in dem er die Fäden in der Hand hat: Er ist genauso ein Liebender wie alle anderen. Wie den anderen entgleitet ihm die Kontrolle des Experiments, wie die anderen ist er hin und her geworfen von den widersprüchlichen Emotionen, die der Verlauf der Wette auch bei ihm hervorruft.

Foto: Jörg Landsberg

Du hast an der Staatsoper bereits Rossinis Der Barbier von Sevilla inszeniert. In Rossinis Komischen Opern, gerade auch im Barbier, wird die Musik zum Mittel distanzierender Ironie, der Überzeichnung, auch der Entfremdung. Welche Rolle spielt die Ironie in Così? Spielt sie überhaupt eine Rolle?

Ich glaube nicht, das es viel Ironie in Così fan tutte gibt. Ehrlich gesagt interessiert mich Ironie als Regisseur überhaupt nicht, weil ich nicht mit Distanz auf die Figuren blicken will, sondern herausfinden möchte, wie nahe sie mir und dem Publikum kommen können.

Mozarts Musik lügt nie, nicht einmal wenn im Libretto die Figuren lügen. Wenn die Männer so tun, als ob sie Gift getrunken hätten, dann erzählt die Musik von der Erschütterung der Frauen darüber. Wenn die Männer nach der »Heilung« durch die verkleidete Despina wieder aufwachen, dann erzählt die Musik von Wiedergeburt und von erwachender Liebe. In all diesen Momenten hätte Mozart auch eine Verkleidungs- und Verwechslungskomödie komponieren können und hat es nicht getan. Er betrachtet seine Figuren mit Liebe und Wärme, mit Härte, Humor, Grausamkeit und Zynismus. Aber nie mit Distanz.

Foto: Jörg Landsberg

Das zentrale Gefühl in Cosi fan tutte ist für mich Melancholie. Nicht im Sinne von Trauer, sondern im Sinne eines sehnsuchtsvollen Blicks auf die eigene Vergangenheit, auf die eigene Geschichte. So sehen wir am Anfang vier junge Menschen am Beginn ihres Erwachsenenlebens, mit allen Freiheiten und allen Möglichkeiten für die eigenen Gefühle. Wir sehen durch sie auch uns: Wie wir waren. Am Schluss sehen wir dann, wie wir jetzt sind: Erwachsen, desillusioniert, reicher an Erfahrungen, feiger, klüger, aber auch langweiliger. Wir sehen wie wir wurden, was wir sind. Und genauso wie wir blicken auch die Figuren mit Sehnsucht auf ihr eigenes Leben vor diesen Erfahrungen zurück.

Foto: Jörg Landsberg

Bei uns spielt Così fan tutte deshalb auch im Haus der Eltern von Fiordiligi und Dorabella, in das sie zu Beginn gerade einziehen. Ein Ort der Vergangenheit, in dem schon Generationen von Paaren und Familien vor ihnen gelebt haben, in dem sich Vergangenheit in Möbeln, in Räumen, in Bildern, in Erinnerungen abgelagert hat. Ein Ort der halb im Umbau, halb bewohnbar ist. Zwischen allen Zuständen, so wie die Figuren, keine Kinder mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Und jetzt müssen die jungen Menschen entscheiden, wie sie hier leben möchten. So wie alle diese Menschen vor ihnen, oder doch anders? Aber wie?

Foto: Jörg Landsberg

Der Musikwissenschaftler Stefan Kunze beschreibt Così als ein Werk des Abschieds: Abschied von Liebes- und Lebensentwürfen, von Utopien. Was kommt danach?

Das erwachsene Leben.

Foto: Jörg Landsberg

alle Fotos: Jörg Landsberg

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