FIDELIO

Juli 31, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

FIDELIO
Oper von Ludwig van Beethoven (1814)

Text nach Jean Nicolas Bouilly von Joseph Sonnleithner, Stephan von Breuning und Georg Treitschke
in einer Textfassung von Alexander Charim

Regie: Alexander Charim
musikalische Leitung: Kazem Abdullah
Bühne und Kostüme: Ivan Bazak
Sounddesign: Matthias Grübel
Chor: Andreas Klippert
Dramaturgie: Michael Dühn

mit Emily Newton, Jelena Rakic, Patricio Arroyo, Woong-Jo Choi/Ulrich Schneider, Stefan Hagendorn, Q-Won Han, Ünüsan Kologlu, Pawel Lawreszuk, Hrólfur Saemundsson

Symphonieorchester Aachen
Chor des Theaters Aachen

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Premiere am Theater Aachen am 15. September 2013

Vorstellungen am 21., 28. September
6., 10., 12., 27. Oktober
1., 20., 22. November
1., 20. Dezember 2013
19. Januar
16. Februar 2014

Fidelio

DAS INNERE UND DAS ÄUSSERE GEFÄNGNIS

EIN GESPRÄCH MIT 
REGISSEUR ALEXANDER CHARIM

Fidelio ist eine dieser Opern, die jeder kennt, oder zumindest zu kennen glaubt. Sie gilt als universelles Plädoyer für Freiheit und Humanität. Wie habt ihr Euch diesem Werk genähert?

Man ist zunächst konfrontiert mit einer Idee, oder mit einem Glauben an eine Idee, die man beim ersten Hören als sehr fremd empfindet. Wenn man darüber nachdenkt, ist aber genau diese Fremdheit interessant. Niemand würde behaupten, dass wir heute wirklich frei sind. Aber wir sind mit Sicherheit freier, als die Menschen zu Beethovens Zeiten. Gleichzeitig ist das Ideal der Freiheit auch heute bei Weitem nicht realisiert.

Ich scheue mich jedoch davor, diese Problematik so riesenhaft in den Mittel- punkt zu stellen. Was mich dagegen sehr interessiert, ist die Verbindung des Ideals von der Befreiung einer Gesellschaft, einer Menschheit oder einer Zeit mit einer ganz privaten Geschichte, der Befreiung eines Menschen, nämlich Florestan durch einen anderen, nämlich Leonore. Was bedeutet es, durch Liebe befreit zu werden? Und was bedeutet es, dass ein Komponist den Zuschauer so deutlich an die Hand nimmt, ihn in den dunklen Kern des Gefängnisses hinein- führt und dann mit großer Emphase auch wieder heraus.

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Was ist für Dich dieses Gefängnis? Immerhin ist es der Hauptschauplatz der Oper.

Für den Ausstatter Ivan Bazak und mich sind die Figuren dieser Oper doppelt gefangen: in einem äußeren und einem inneren Gefängnis. Daher war unsere erste Frage: Wie sieht ein Gefängnis heute aus? In Berlin wurde vor kurzem ein Gefängnis eröffnet, das keine Gitterstäbe und Zäune hat. Da gab es Demonstrationen, weil gesagt wurde, das sei ein »Luxusknast«. Selbst im realen Gefängnis sind die Grenzen aufgeweicht und trotzdem sind sie natürlich da. Es steht ja fest, dass man nicht heraus kann. Das Gefängnis behält die Brutalität, nur gibt es den Wunsch, das nach außen aufzuweichen und sich human zu geben. Gleichzeitig ist das Eingesperrtsein immer präsent. Und das ist auch das, was Beethoven zeigt: ein Ort, wo eine Familie lebt, wo Alltag passiert, wo Gefangene und Brutalität gar nicht so sichtbar sind. Natürlich gibt es Ausnahmefälle, beispielsweise Florestans Kerker. Prinzipiell jedoch ist dieses äußere Gefängnis so wie Beethoven es zeigt, ein Ort, den es heute auch geben könnte.

Dann gibt es das innere Gefängnis, was natürlich auch mit diesem Eingesperrt- sein von Florestan, oder dem Eingesperrtsein von Pizarro, oder dem Eingesperrtsein von Leonore zu tut hat. Jeder ist in sich eingekapselt. Man hat es mit einem Stück zu tun, das Menschen zeigt, die extrem einsam sind, extrem in sich verloren, bindungsunfähig und unfähig jemand anderen zu sehen.

Fidelio

Also könnte man sagen, die untergründige Strömung dieses Stückes handelt von der Sehnsucht nach Glück und gleichzeitig der Unfähigkeit zu diesem Glück?

Genau. In dieser Hinsicht ist »Fidelio« eine Oper über Einsamkeit; über Menschen, die zueinander kommen wollen, die Berührungen erfahren wollen und das nicht schaffen. Sie sind eingesperrt von anderen, aber auch von sich selbst. Das Stück stellt die Fragen: Wie lange dauert es, bis man sich aus sich selbst heraus befreien kann? Wie verarbeitet man Gewalterfahrungen? Kann man aus Gewalterfahrungen heraus Liebesbeziehungen schließen? Kann es so etwas geben, wie ein echtes Vertrauen zwischen zwei Menschen?

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Inwieweit korrespondieren diese Gedanken mit dem Prolog, den Ihr dem Stück vorange- stellt habt, nämlich dem Brief an die »Unsterbliche Geliebte« von Beethoven?

Diesen Brief schreibt Beethoven an eine Frau, deren Identität bis heute ungeklärt ist, aber mit der für Beethoven eine Bindung aus gesellschaftlichen Gründen offenbar nicht möglich war. Beethoven schreibt in diesem Brief aber auch, dass diese Bindung ihm persönlich nicht möglich ist. Er kann diese Nähe gar nicht zulassen, sehnt sich aber gleichzeitig sehr danach. Und genau das ist für uns so spannend: Es gibt hier einen Mann (und das ist bei uns Florestan), der sich eine Frau erträumt, aber zu seiner Erlösung selbst gar nicht fähig ist. Sein Traumbild wirkt aber wie eine Projektion auf eine real existieren- de Frau, die in seinem Kopf seine Retterin ist und die ihn befreien wird aus seiner Einsamkeit. Das ist notwendiger- weise etwas, was schiefgehen muss, weil die Realität komplizierter ist als dieses Wunschbild. Dass Beethovens Brief sehr zärtlich und liebevoll, aber in seinem Liebenwollen auch sehr zudringlich, ja fast brutal ist, fanden wir sehr interessant. Deswegen beginnt das Stück bei uns mit diesem Prolog.

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Florestan hat in seiner großen Arie auch diese Vision seiner Gattin Leonore, die wie ein Engel zu ihm kommt und ihn erlöst. Ist diesem Florestan eine Erlösung überhaupt möglich?

Wir haben uns vor allem die Frage gestellt: Was wird passieren, nachdem der Jubel verklungen ist? Was wird passieren, wenn Florestan und Leonore wieder alleine in ihrem Zimmer sind, sich gegenseitig annähern und wieder eine gemeinsame Ebene herstellen müssen? Das ist etwas, was sehr schwierig ist, sehr lange dauert, aber vielleicht auch eine Erfolgschance hat. Natürlich geht es um Hoffnung, aber nicht um eine Hoffnung, die sich von einem Moment auf den anderen erfüllt, sondern eine Hoffnung, die Zeit braucht.

Fidelio

Ernst Bloch schrieb über »Fidelio«: »Nirgends brennen wir genauer.« Wie würdest Du die emotionale Temperatur der Oper beschreiben?

»Nirgends brennen wir genauer.« würde wahrscheinlich heißen, dass man besessen ist von einem Gedanken, genau im Sinne von einer Besessenheit auf ein bestimmtes Ziel, oder auf ein bestimm- tes Wollen hin. Ich glaube, man hat es in diesem Stück nicht mit Figuren zu tun, die auf einer Mittelwelle schwimmen. Sie sind geradezu hysterisch auf der Suche nach ihrem Glück und besessen davon, es zu erleben. Es ist beeindruckend, weil man Menschen sieht, wie Rocco, der wie eingeschlafen ist in seinem Alltag, seiner Welt, seinem Mitläufertum und seinem Opportunismus und sich gar nichts anderes erträumt. Und man sieht eine nächste Generation, die nichts anderes will, als aus dieser Welt herauszukommen, obwohl sie nie etwas anderes kennengelernt hat. Es hat also auch viel mit der Fantasie zu tun, da raus zu wollen. Dieses »Brennen« ist die Fantasie für eine andere Welt, die Fantasie dafür, dass es anders sein könnte, als es jetzt ist.

Fidelio

»Fidelio« besteht ursprünglich aus einer Abfolge geschlossener Gesangsnummern und gesprochenen Dialogen. Wie gehst Du szenisch mit diesem Wechsel von Singen und Sprechen auf der Bühne um?

Wir haben uns entschlossen, die Dialoge nicht von den Sängern sprechen zu lassen, sondern von Schauspielern und diese per Lautsprecher einzuspielen. Da- durch entstehen zwei akustische Ebenen: Musik und eingespielter Sprechtext. Zum einen beginnen die Figuren davon zu singen, wovon man nicht mehr sprechen kann. Die Einspielungen finden dagegen in den Köpfen der Figuren statt. Das sind ihre Träume, ihre Alb- träume, ihre Sehnsüchte, ihre Utopien. Das hat uns die Möglichkeit gegeben mit vielen Mitteln zu arbeiten, die auch Brüche herstellen zwischen dem, was gesagt wird und dem, was gesungen wird. Wir behaupten damit also nicht einfach Nähe und sagen: Das ist jetzt unser Stück! sondern schaffen auch Distanz, die der Auseinandersetzung mit diesem gewaltigen Werk sehr gut tut.

Fidelio

Die Fragen stellte Michael Dühn
alle Fotos: Carl Brunn

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