PRINZ FRIEDRICH VON HOMBURG

Dezember 10, 2016 § 3 Kommentare

Regie Alexander Charim
Bühne Ivan Bazak
Kostüme Amit Epstein
Komposition Michael Rauter / Andi Thoma
Dramaturgie Ute Scharfenberg

Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg Jon-Kaare Koppe
Die Kurfürstin Andrea Thelemann
Prinzessin Natalie von Oranien, seine Nichte, Chef eines Dragonerregiments Nina Gummich
Feldmarschall Dörfling Arne Lenk
Prinz Friedrich Arthur von Homburg, General der Reiterei Moritz von Treuenfels
Obrist Kottwitz, vom Regiment der Prinzessin von Oranien Michael Schrodt
Graf Hohenzollern, von der Suite des Kurfürsten Eddie Irle
Zwei Offiziere Nina Gummich / Arne Lenk

HANS OTTO THEATER POTSDAM
Premiere am 7. Oktober 2017

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Beinahe eine Utopie

EIN GESPRÄCH MIT DEM REGISSEUR UND NESTROY-PREISTRÄGER ALEXANDER CHARIM

Der Prinz träumt. Mitten im Krieg verheißt der Traum ihm Sieg, Ruhm und Liebe – die des Kurfürsten wie die der schönen Natalie. Prinz Friedrich folgt dem Traum, und zunächst scheint der Triumph greifbar, die glückliche Ankunft in einem Leben, das Ort und Ziel hat. Aber Friedrichs Erfolg war gegen den Befehl, darauf steht Kriegsgericht. Das Ungeheure rückt nahe: die Todesstrafe …
 
Wofür wird Homburg bestraft?
Homburg übertritt das Gesetz, indem er in der Schlacht beschließt, daß sein Wunsch zu gewinnen wichtiger ist als die Regeln, die der Kurfürst aufgestellt hat. – Und für eine zweite Sache wird er bestraft: für seine Phantasie. Er stiftet Unruhe, er ist anders als die anderen, er hält sich nie an Regeln, er hebt diese Welt aus den Angeln. Drittens liebt er die falsche Frau. Mit der Liebe ist es so eine Sache in dem Stück – also sagen wir, er fühlt sich hingezogen zu der falschen Frau. Vor allem aber ist er anders und zwingt dadurch die anderen, darüber nachzudenken, ob sie das Richtige tun. Das ist letztlich Homburgs Übertretung. Er erinnert die Menschen daran, daß sie über ihr Leben nachdenken müssen. Eine weitere Übertretung: Homburg besteht auf Liebe und Zuneigung. Er möchte geliebt werden, Wärme haben, Geborgenheit. Er will nicht akzeptieren, daß um ihn Kälte ist.

Womit hat Homburg recht? Und womit die anderen?
Es gibt in dem Stück mindestens so viele Positionen, wie es Figuren gibt. Die anderen haben recht damit, daß es nicht nur den Einzelnen gibt, sondern auch die Gemeinschaft. Es gibt eine Verantwortung füreinander, es gibt ein Zurückstecken zugunsten anderer und zugunsten dessen, was die Gemeinschaft braucht und will. Das sieht der Homburg nicht; daß es Regeln des Zusammenlebens gibt, die des Nachdenkens und der Auseinandersetzung wert sind. Und der Homburg hat recht damit, daß jeder das Recht hat zu träumen und daß es eine andere Realität geben muß, für die es wert ist zu kämpfen.

Homburgs Hauptgegenspieler ist der Kurfürst. Was ist seine Position?
Der Kurfürst ist komplizierter, als man zunächst denken mag. Er steht für ein System, das er hart erkämpft hat: »Es gilt gleiches Recht für alle.« Das ist bis heute nicht überall in der Welt selbstverständlich. Er ringt sehr damit, denn er ist zugleich verstrickt in eine komplexe Vater-Sohn-Beziehung mit dem Prinzen mit all ihren Erwartungen und Frustrationen. Er ist ein Nicht-Vater-Gewordener. Er hat Natalie aufgenommen, mit der ihn eine versteckte Anziehung verbindet, und ist auch hier verstrickt. Auch er muß sich der Frage stellen, die Kleist für alle durchspielt: Was bedeutet es, wenn wir über uns selbst richten müssen? Und was bedeutet es, wenn es Dinge im Menschen gibt, zu denen das Gesetz nicht hinreicht?

Kleist wird mitunter in Nachbarschaft zu Kafka gestellt – ist da etwas dran?
Alle Begriffe, die wir schon genannt haben, das Gesetz, das Unterbewußte, der Vater, das Verhältnis von Kontrolle und Abschweifung, das Andere, die seltsame Erotik – all diese Dinge sind natürlich kafkaesk. Die Beziehung von Unterbewußtem und Bewußtem, von Realem und Eingebildetem, die Vorstellung, ständig von etwas verfolgt zu sein, das Sich-selbst-Verstricken … Vielleicht verbindet Kafka und Kleist, daß beide immer fremd blieben. Und das Ringen um Liebe. Ich habe diesen Satz gefunden, der mich sehr an den »Homburg« erinnert. Er ist aus Kafkas Brief an seinen Vater:
»Manchmal stelle ich mir die Erdkarte ausgespannt und Dich quer über sie hin ausgestreckt vor. Und es ist mir dann, als kämen für mein Leben nur die Gegenden in Betracht, die Du entweder nicht bedeckst oder die nicht in Deiner Reichweite liegen. Und das sind entsprechend der Vorstellung, die ich von Deiner Größe habe, nicht viele und nicht sehr trostreiche Gegenden.«
Jeder Vater ist übermächtig, und wo er ist, da komme ich nicht hin.

Was interessiert Dich an der Vater-Sohn-Konstellation in dem Stück?
Familie ist der Ort, wo wir alle miteinander leben. Der Bereich ist reich, weil er viel zu tun hat mit Liebe und mit Zuneigung, aber auch mit Erwartungen, mit Brutalität. Der Staat, von dem im Stück gesprochen wird, ist selbst auch eine Familie, mit Haupt und Gliedern; er soll idealerweise funktionieren wie eine Familie. Dabei geht es um die Frage: Wie lebt man zusammen? Was für Regeln gibt man sich, um miteinander funktionieren und leben zu können? Mich interessiert nicht die Militärwelt und wie Militär funktioniert. Ich glaube, das spielt auch im Stück eine untergeordnete Rolle. Ich glaube, sogar der Krieg spielt darin eine untergeordnete Rolle, Kleist zeigt ihn nicht. Wir sehen nur, was die Menschen über ihn denken. Gemeinschaft spielt eine Rolle. Es geht um Gemeinschaft, um Erziehung – die preußische Armee war eine Zuchtanstalt –, um Masochismus. Es geht um jemanden, der erzogen werden will. Der Prinz ruft ja danach, daß man ihn bestraft. Er will bestraft werden. Das Stück zeigt, daß Menschen nach Regeln gieren. Daß sie gegen Regeln kämpfen und zugleich  nicht ohne Regeln leben können. Auch das ist etwas sehr Modernes. Es gibt einen Überdruß an der kompletten Freiheit. Womit können wir uns noch identifizieren? Nationalismen bieten Identifikation an, deshalb kehren sie zurück. Ebenso wie Regeln, wie Gemeinschaft, wie Krieg, wie Familie.

Der Prinz will bestraft werden – auf welche Weise artikuliert sich das?
Hinter den vielen komplizierten Dingen ist es auch eine Kindergeschichte. Die Figur ist in vielerlei Hinsicht kindlich und kindisch. Sie reizt immer ihren Spielraum aus, bis der Vater kommt und sagt: Schluß! – Brauchen wir das vielleicht sogar? Wir müssen alle so unendlich viele Fragen für uns beantworten: Wie wollen wir leben? Wollen wir Familie oder keine Familie? Wollen wir den Beruf, den unsere Eltern ausüben, oder nicht? Wollen wir Frauen oder Männer lieben? Wollen wir in einer Stadt leben? Die meisten Generationen vor uns konnten nicht entscheiden, was sie tun oder wie sie es tun. Aber diese Freiheit ist nicht nur etwas Schönes. Sie ist auch eine Überforderung. Viele Menschen haben diese Antworten nicht. Sie wissen es einfach nicht.

Welche Rolle im Stück spielt die Natalie?
Sie erfindet im Schatten der Ereignisse ihre eigene Geschichte. In ihr ist ein starker Wunsch, anders zu leben, anders zu sein. Lange Zeit hört man das nicht, bis sie gewissermaßen die Macht übernimmt; plötzlich wird ihre Geschichte erzählt: Wie jemand beginnt zu handeln. Wie jemand aufhört, fremdbestimmt zu sein. Kennst du die Erzählung »Der Schmerz« von Marguerite Duras? Je mehr Natalie dem Homburg hilft, desto mehr hört sie auf, ihn zu lieben. Sie überwindet eigentlich ihre eigene Liebe. Natalie hat einen großen Anteil daran, daß der Prinz nicht exekutiert wird; insofern wirkt sie entscheidend daran mit, daß diese Gesellschaft sich verändert. Am Ende steht ja beinahe eine Utopie – ob geträumt oder wahr, echt oder falsch. Die Utopie von einem Staat, der einen Platz hat für Leute, die nicht zurechnungsfähig sind, die nicht funktionieren. Wo so jemand, der nicht funktioniert, ein Held werden kann, wirklich eine Identifikationsfigur. Daran nimmt sie teil – federführend. Das erfindet sie mit. Daß eine Frau das tut, in dieser Zeit, in dieser Welt, ist eine enorme Sache.

Die Pole Wirklichkeit und Traum, zwischen denen das Leben des Homburg sich abspielt – welche Rolle spielen sie für Deine Inszenierung?
Ich bin auf der Suche nach einer theatralen Sprache, die beides ununterscheidbar macht. Der Begriff Traum wird schnell allgemein. Ich denke immer: Wie wäre es, wenn der Homburg beim Analytiker auf der Couch liegen würde? Was passiert im Kopf eines Menschen bei einer Analyse? Wie mischt sich, was man erlebt hat, was man sich wünscht, was man sich einbildet, was man projiziert? Ideen, Gerüche, Formen, Frauen, Männer? Aus dieser Idee den Rhythmus, die Gestalt, den Geruch einer Inszenierung herzuleiten, das würde mich interessieren. Ich finde, der »Homburg« ist sozusagen ein freudianisches Stück avant la lettre.Das Gespräch führte die Dramaturgin Ute Scharfenberg.

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